Black und Death Metal. Der Sound. Der Markt. Die Szene.

Dissertationsprojekt von Sarah Chaker
Erste Betreuerin: Prof. Dr. Susanne Binas-Preisendörfer


Black Metal und Death Metal bezeichnen zwei Musikstile, die sich aus dem Heavy Metal entwickelt haben. Ihnen lassen sich zwei (Jugend-)Szenen zuordnen.

Death Metal trat gegen Mitte der 80er Jahre in Europa und in Amerika zeitgleich in Erscheinung - als Zentren des Death Metal gelten bis heute Stockholm und Florida.Death Metal Sound zeichnet sich durch rasend schnelle Double-Bass-Parts und Blast Beats im Schlagzeug, drückende Bass- und Gitarrenwände, sowie durch einen tiefen, röchelnden, grunzenden und erdigen Gesangsstil aus. Ständige Tempiwechsel und Breaks in schwindelerregender Geschwindigkeit verdeutlichen das Ziel vieler Death Metal Bands: nämlich die schnellste und härteste Band der Welt zu werden. Musik und Inhalt stehen im Death Metal in einem engen Zusammenhang. Passend zum Sound dominiert in den Songtexten und Bilderwelten des Death Metal das Thema Grauen und Gewalt, welches von den Bandmitgliedern in höchst unterschiedlichen Formen verarbeitet wird. Generell kann bei der Darstellung von Horror, Gewalt oder Krieg zwischen realitätsnahen Schilderungen (z. B. Verarbeitung von massenmedial erzeugten Bildern aus der Kriegsberichterstattung) und phantastischen Darstellungen (z.B. Kämpfe zwischen Monstern, Zombies usw.) unterschieden werden. Seinen Höhepunkt erlebte der Death Metal zwischen 1989 und 1993. Starke Kommerzialisierung führte Mitte der 90er Jahre zur Übersättigung und zum Einbruch des Death Metal Marktes. Musikstil und Szene verloren an Bedeutung und lebten lediglich im „Underground“ des Heavy Metal fort. Death Metal erfreut sich heute wieder wachsender Beliebtheit und differenziert sich aktuell in viele verschiedene Substile aus.

   Der Niedergang des Death Metal beförderte Anfang der 90er Jahre in Norwegen die Entstehung des Nordic Black Metal, der aus den musikalischen Spielarten des Death Metal erwuchs, sich in Inhalt und Image aber von Beginn an stark vom Death Metal absetzte. Die heutige Black Metal Szene rekurriert inhaltlich nach wie vor auf die bestimmenden Themen des Nordic Black Metal. Zu diesen gehören: Satanismus und Heidentum, Gottheiten und Sagen aus der nordischen Mythologie und romantisierende Darstellungen von Natur und Naturgewalten. 
Ab 1991 verbreitete in Norwegen eine kleine Gruppe von Black Metal Anhängern unter der einheimischen Bevölkerung Angst und Schrecken. Zahlreiche Kirchenbrandstiftungen, Friedhofverwüstungen, Körperverletzungen, Todesdrohungen und Morde führten zu einer intensiven Medien-Berichterstattung über die ‚satanischen’ Verbrechen. Black Metal geriet so zum ersten Mal in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Einige der beschuldigten Black Metal Musiker nutzten ihre plötzliche Popularität und machten durch neofaschistische und antisemitische Äußerungen weiter auf sich aufmerksam. In der Folgezeit kam es in den Black Metal Szenen einiger anderer europäischer Länder, auch in Deutschland, zu Nachahmertaten.
Black Metal
zersplittert sich heute (wie der Death Metal) in zahlreiche Substile. Inhaltlich bleibt der moderne und stark kommerziell geprägte Black Metal dem zentralen Thema Satanismus verpflichtet, nutzt dieses jedoch lediglich als Image. Die Black Metal Bands im musikalischen Underground sind bemüht, sich möglichst deutlich von diesem „Ausverkauf“ des Black Metal abzusetzen, indem sie den Szenegängern in Bild und Wort eine intensive und tiefgründige Auseinandersetzung mit satanistischen und okkulten Themen glaubhaft zu machen versuchen.
Während es das Ziel vieler Death Metal Musiker ist, auf ihren Musikinstrumenten alle Geschwindigkeitsrekorde zu brechen und gemeinsam möglichst viel Spaß zu haben, so begreifen Black Metal Musiker ihre Musik und die damit verknüpften Inhalte nicht bloß als angenehmen Zeitvertreib, sondern als Lebensstil und Lebensaufgabe. Black Metal inszeniert sich selbst als elitäre Kunstform und nimmt sich dabei todernst.
Die politisch rechte Szene versucht seit einiger Zeit, die Black Metal Szene zu unterwandern, was über gemeinsame inhaltliche Anknüpfungspunkte (Satanismus, nordische Mythologien, Germanentum usw.) geschieht und teilweise funktioniert. Dieser rechte Rand des Black Metal wird von den Szenegängern als NS-Black Metal bezeichnet. Die meisten Black Metal Anhänger sind jedoch nicht politisch rechts oder rechtsextrem eingestellt.

Das Anfang der 90er Jahre von den Medien vermittelte und entwickelte Bild von der Black Metal Szene hat bis heute Bestand, bewegt sich an den geschilderten Extremen entlang und wird aufgrund musikalischer Ähnlichkeiten häufig auf den Death Metal übertragen. Daher verwundert es wenig, in einer Facharbeit in Religion aus dem Jahre 2004 zu lesen:

„Heutige Satanistische Gruppen[:] Seit Anfang der 80 Jahre fasst man diese Musik unter Black Metal oder Death Metal zusammen. [...] Obwohl diese Bands meist eher unbekannt sind, steigt die Popularität dieser Gruppen besonders unter Jugendlichen. [...] Bei schwarzen Messen wird Black und Death Metal gespielt. [...] So treffen sich auch Jugendliche von dem unteren Rand der Gesellschaft, wie zum Beispiel Arbeitslose oder Schul- und Ausbildungsabbrecher, in Gruppen zusammen. Der Black Metal ist in diesen Gruppen die Verbindung zu den Gleichgesinnten und dient zusätzlich als ‚Möglichkeit ihren Protest herauszukotzen und ihren Frust zu bewältigen.’ (Diakonia 1990, S.338).“
Jens Epe: Satanismus in der Rockmusik. Facharbeit 2004. (19.06.05)

Wissenschaftliche Literatur speziell zum Thema Black und Death Metal ist rar. Forschungsergebnisse meiner Magisterarbeit, einer empirisch quantitativen Untersuchung zu Religion, Gewalt und politischer Orientierung von Black und Death Metal Anhängern im Jahr 2004 (pdf), weisen jedoch in eine andere Richtung als obiges Zitat. Wesentlich erscheint mir dabei die Erkenntnis, dass Inhalte von Black und Death Metal von Außenstehenden häufig anders gedeutet werden als von den Anhängern selbst. Denn oft wird nicht berücksichtigt, wie Black und Death Metal Anhänger mit den Inhalten der Musik umgehen, was sie für die Szene eigentlich bedeuten und wie und in welchen Zusammenhängen sie gebraucht werden. Somit kommt es zu Missverständnissen, als deren Ursache Probleme bei der Bedeutungskonstruktion und der Bedeutungsauslegung angesehen werden können. Das von den Medien (und den Szenen selbst) konstruierte Bild von Black und Death Metal, wie es in der Öffentlichkeit, aber auch in der Wissenschaft bislang existierte, ist m.E. veraltet, nicht länger aufrechtzuerhalten und muss revidiert werden.

Ich unterstütze ferner die These, dass Musik nie etwas auslösen, sondern dass sie nur in bestimmten Zusammenhängen (mit)wirken kann. Auch wenn diese Tatsache unbequem sein mag: Rechtsextremistische und satanistische Aktivitäten, sowie Gewalttaten werden nicht aufgrund irgendeiner Hörgewohnheit und der daraus resultierenden Zugehörigkeit zu einer Szene entfaltet bzw. begangen. Die eigentlichen Ursachen für große gesellschaftliche Probleme müssen somit anderswo liegen. Musik jedenfalls ist als Sündenbock denkbar ungeeignet.

Aus dem momentan unbefriedigenden Stand der Forschung folgt, dass es sich bei meinem Dissertationsprojekt um eine Art exploratorische Studie handelt, deren Ziel es ist, dem Leser erstmals einen möglichst facettenreichen und wissenschaftlich fundierten Überblick über Black und Death Metal sowohl als Musikstil als auch als (Jugend-)Szene anbieten zu können. Dieses Ziel kann ich nur erreichen, indem ich einen multidisziplinären Ansatz als Ausgangspunkt wähle, welcher wiederum methodische Konsequenzen nach sich zieht: Auch wenn die Dissertation ganz bewusst im Fach Musikwissenschaft entsteht, werden und müssen verschiedene Methoden und Theorien in dieses Projekt Eingang finden, die nicht in der Musikwissenschaft verortet sind, sondern aus anderen Disziplinen stammen:

Auch wenn die Wahl eines multidisziplinären Forschungsansatzes auf den ersten Blick recht ungewöhnlich, fast experimentell anmutet, so ist dieser m.E. auch notwendig, möchte man den vielen unterschiedlichen Fragen und komplizierten Sachverhalten und Zusammenhängen, die sich in dieser Dissertation ergeben, gerecht werden.

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